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Literatur-TIPPS von Gaye Suse Kromer Die Dortmunder Journalistin Gaye Suse Kromer bietet exclusiv Gaye Suse Kromer, angelegt als
deutsch-türkische Gemeinschaftsproduktion, wurde 1971 in der Pfalz
geboren. Nach einigen Umwegen fand sie zum Studium der Kommunikation
ins weniger beschauliche, dafür aber um so aufregendere Ruhrgebiet. Ein Koffer Bücher begleitete sie dabei in jeder Lebensphase.
Inzwischen arbeitet sie als Journalistin bei der Stadt
Dortmund. Wie alle Literaturbegeisterte kennt sie das Problem unübersicht-licher, meterlanger Bücherregale. Welches Buch lohnt sich zu lesen, welches passt zu welcher Stimmung? Die Kolumne ist ein Angebot, sich im Dschungel der Literaturneuerscheinungen zurechtzufinden. Gaye Suse Kromer liest vor - Sie lesen nach.
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Miguelanxo
Prado „Es war einmal ein Haus mitten im Meer...“ So beginnt die zauberhafte Graphic Novel des spanischen Zeichners Prado. Er erzählt das Märchen über einen Maler und seine Frau, einer Cellistin, die in diesem Haus leben. Der Maler fährt eines Tages mit den Fischern raus auf das Meer. Ein mörderischer Sturm kommt auf. Schiff, Besatzung, Maler gehen unter. Und damit beginnt die eigentliche Geschichte. Prado gehört zu den profiliertesten Comiczeichnern Europas. Auch in Deutschland sind Bände von ihm veröffentlich worden, so z. B. die Reihe „Der tägliche Wahn“ mit skurrilen Geschichten über Gemeinheiten im Alltag. Mit dem vorliegenden Band „De Profundis“ („Aus der Tiefe“) legt er eine wundervolle Werkschau seines malerischen Könnens vor. Passend zum Thema Meer ist sein Märchen bestückt mit zarten Malereien und ausdrucksstarken Farben. Am Ende des Buches lässt sich Prado über die Schulter schauen: In einem „Logbuch“ zeigt der Künstler die Entwicklung seiner Figuren. Dem Buch ist außerdem eine DVD beigefügt mit dem Märchen als Zeichentrickfilm. Der Film hat eine meditative Sogkraft und ist unterlegt mit einer extra dafür komponierten symphonischen Musik von Nani Garcia. Außerordentlich schade, dass es in Deutschland keine solide Comickultur gibt. Solche phantasievollen, prächtigen Bände gehen hier zu leicht in der Schwemme der Sachbuch-, Belletristik- und Krimineuerscheinungen unter. Wer Freude an einer zauberhaften Geschichte, bestrickenden Zeichnungen und einer großartigen Buchausstattung hat, sollte sich das Werk nicht entgehen lassen. 87
S., Hardcover, DVD (75 Min., ab 6 Jahre), 29 €, Bewertung: 5 von 5 Punkten |
| André
Müller André Müller war Interviewer. Seine Interviews sind echte Meisterstücke. Der Österreicher, der u. a. für ZEIT, SPIEGEL und STERN arbeitete, starb 2011 an Krebs. Mit diesem Buch hinterlässt er eine ganze Reihe dieser meisterlichen Gespräche. Müller interviewte u. a. Dolly Buster, Jonathan Littell, Gerhard Richter und Leni Riefenstahl. Beeindruckend ist Müllers Hintergrundwissen durch gründliche Recherchen. Eine Technik, von der sich heutige Journalisten eine große Scheibe abschneiden können. Amüsant muten die gegenseitigen Lästereien der Prominenten an. In diese Kategorie fällt das Gespräch mit Karl Lagerfeld, wenn auch weniger für Müller, der sich aufgrund des Gesprächs juristisch mit Lagerfeld auseinandersetzen musste. Müller legt den Humor eines Salman Rushdie offen, kitzelt aus uninteressanten Gesprächspartnern Interessantes heraus und erwischt andere in ihrer unendlichen inneren Ödnis. Spannend sind die Interviews mit seinen Freunden Peter Handke und Elfriede Jelinek. Handke entlarvt sich als ein satter, selbstgerechter Autor, während sich Jelinek prätentiös im eigenen Elend suhl. Die Eindrücke waren von Müller sicher nicht beabsichtig – er selbst spricht sehr liebevoll über die beiden – so aber wächst das Werk über seinen Meister hinaus und bekommt eine eigene Dynamik. Die Sortierung der Interviews folgt keinem ersichtlichen Konzept, was vor allem beim Gespräch mit seiner Mutter – ja, auch sie interviewte Müller unerbittlich – stört, eingepfercht wie es dort ohne Bezug zu irgendwas zwischen Hanna Schygulla und Julia Fischer steht. Auch das völlig verschwurbelte Vorwort Jelineks wäre wirklich nicht nötig gewesen. André Müllers Leistung steht für sich, denn ihm gelingt, was Benjamin Hinrichs am Ende seiner Laudatio anlässlich einer Preisverleihung knapp und treffend formuliert: „Reden gegen das Gerede“. 368 S. Hardcover, 19.99 €, LangenMüller, 978-3784432731 Bewertung: 4 von 5 Punkten |
| Marc-Uwe
Kling Eines Tages steht ein Känguru vor Marc-Uwes Tür. Es stellt sich als neuer Nachbar vor, um kurze Zeit darauf mit seinen Nirwana-Platten in die Wohnung des Autors zu ziehen. Das ist nicht nur der Beginn einer wundervollen Freundschaft zwischen kommunistischem Beuteltier mit Hang zu Schnapspralinen und phlegmatischem Kleinkünstler mit Hang zu seltsamen Gedichten, es ist auch der Auftakt für viel, viel Gelächter beim Leser. In über 80 kurzen Kapiteln erzählt Kling die hochkomischen Geschichten des Duos Infernale. Känguru und Autor zeigen z. B. welche Ziele im Leben wirklich wichtig sind (keine), wie Killer-Soziologen einem das Leben schwer machen (ziemlich) oder versuchen mit einem Billigflug von Berlin-Schönefeld nach Berlin-Tegel zu gelangen (schwierig). Die Texte sind witzig und skurril, aber nie klamaukig. Immer wieder kann man über das Wissen des Autors staunen, das er dezent und elegant in Worte verpackt. Marc-Uwe Kling begann vor acht Jahren als Poetry-Slammer und Musiker die Bühnen der Republik zu bereisen. Inzwischen hat er sich – nicht zuletzt – durch seine Geschichten über die eigentümliche Känguru-Künstler-WG eine beträchtliche Fangemeinde erschrieben. Vor kurzem ist der zweite Band „Das Känguru-Manifest“ erschienen. Die Texte lohnen auch als Hörbuch-Ausgaben. Kling versteht es mit stoischer Stimmlage die Komik noch zu steigern. Ob Lese- oder Hörbuchtext – am Ende wünscht man sich an der eigenen Tür möge auch ein Känguru klopfen. 268 S., Taschenbuch, 7.95 €, Ullstein, 978-3548372570 Bewertung: 4 von 5 Punkten |
| Maxim Leo, Jochen-Martin Gutsch „Sprechende Männer“ Zwei Männer unterhalten sich. Männer. Die rede. Ehrlich! Immerhin heißt es im Untertitel „Das ehrlichste Buch der Welt“. Also: Ein total ambitioniertes Werk in jede Richtung. Die Idee: Die 40-jährigen Berliner Journalisten Leo (verheiratet, zwei Kinder) und Gutsch (Single) mailen sich zwei Monate lang über die ganz großen Dinge – Familie, Liebe, Sehnsucht, Freundschaft, Lebensziele, Träume. Und schon stolpert Gutsch, als er eine Frau kennenlernt. Da mag er aber gar nicht mehr gerne sprechen. Überhaupt, Gutsch: erschreckend sein archaisches Frauenbild. Er kann sich nicht entscheiden, ob er gerne oder zwangsweise alleine ist und wäre lieber wieder 20 Jahre. Leo ist froh, im sicheren Hafen der Ehe angedockt zu haben. Meist ist er die treibend-schreibende Kraft. Mit jeder gelesenen Seite steigt die Erwartung, es käme noch eine Attraktion. Oder wenigstens die Auflösung von Klischees oder ihre ironische Brechung. Oder wenigstens was Interessantes. Jungs, war das alles? Worte sind journalistische Basis. In der Tiefe merkt man davon nichts. Bisweilen hat der Austausch der beiden etwas Rührendes. Aber dafür ein 300 Seiten Buch? Vielleicht ist das ja der Auftakt zu weiteren Gesprächen, so von Mann zu Mann. Es ist nicht das erste Buch, das zu therapeutischen Zwecken geschrieben wurde. Das ist legitim, aber oft langweilig für Leser. Es sei denn, man gehört zur Betroffenengruppe. Allerdings steht zu befürchten, dass mehr Frauen als Männer zu diesem Schinken greifen werden, vielleicht um das andere Geschlecht endlich mal zu verstehen. Frauen, ihr müsst jetzt ganz stark sein: In diesem Buch gibt es keine Geheimnisse zu entdecken. 303 S., Broschiert, 17.95 €, Blessing, ISBN 978-3896674401 Bewertung: 2 von 5 Punkten
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